Mit dem Unimog durch die Vergangenheit
Geschichte | Oliver Porzel plant Erlebnistouren entlang der
ehemaligen Grenze
Steinwiesen - "Die Begegnung mit den ehemaligen Grenzanlagen
ist von historischer Bedeutung und dient als Erinnerung an ein
vergangenes Kapitel deutscher Geschichte", sagt Oliver Porzel
überzeugt. Der Steinwiesener hat sich zum Ziel gesetzt, die
ehemalige Grenze im Landkreis Kronach nicht in Vergessenheit
geraten zu lassen und bereitet derzeit die Gründung des gemeinnützigen
Vereins "Grenzfahrten" vor. Der Verein will mit einem im Landkreis
bisher einzigartigen Angebot auf Vergangenes aufmerksam machen:
Er will Unimog-Erlebnistouren entlang der ehemaligen deutsch-deutschen
Grenze anbieten. "In unserer Region gibt es viel zu wenig Angebote,
die sich konkret mit der DDR-Geschichte beschäftigen", meint
Oliver Porzel. "Es ist ein Stück deutsche Geschichte, die wir
nicht vergessen dürfen."
Der Tourismusverband Kronach, dem das Faibel von
Oliver Porzel und dessen Engagement im Jugendbereich bekannt
ist, habe den Anstoß für das "Projekt Grenzfahrten" gegeben.
"Der Tourismusverband wollte wie ich ein Angebot schaffen, dass
es den Menschen ermöglicht, die DDR-Geschichte hautnah zu erleben",
erinnert sich der Steinwiesener. "Gerade Jugendlichen kann so
die Vergangenheit näher gebracht werden."
Aus seinem Faibel für DDR-Geschichte, seiner Heimatverbundenheit
und seinem Hobby "Mercedes Unimogs" schuf Oliver Porzel das
außergewöhnliche Angebot, auf eben solchen Unimogs Erlebnistouren
entlang der deutsch-deutschen Grenze ins Leben zu rufen. "Es
wird aber kein sturer Geschichtsunterricht stattfinden", wirft
er ein. "Wir wollen Geschichte mit Abenteuer verbinden und ein
unvergessliches Erlebnis möglich machen." Daneben wolle man
den Teilnehmern auch die Artenvielfalt, Ruhe und Landschaft
der Thüringisch-Fränkischen Region näher bringen.
Momentan seien eine Grundtour sowie drei Zusatztouren in Planung.
Während die dreistündige Grundtour eine spektakuläre Fahrt im
Todesstreifen auf dem Kolonnenweg sowie eine Begehung geheimer
Abhör- und Spionageanlagen verspricht, lassen die jeweils einstündigen
Zusatztouren weitere Einblicke in die Geschichte zu. Neben einem
Besuch der KZ Gedenkstätte "Laura" könne man ebenso zwischen
einer Besichtigung einer ehemaligen "Agentenschleuse" sowie
eines Minenfeldes wählen.
Oliver Porzel betont, dass die Touren individuell geplant
werden und beispielsweise der Startpunkt frei gewählt werden
könne. "Ob Oberes Rodachtal, Lehesten, Tschirn oder Lobenstein
- die Teilnehmer können entscheiden, wo ihre Tour beginnen soll."
Neben einem individuellen Tourstart stünden den Teilnehmern
noch zahlreiche andere "individuelle Abenteuer" offen, an denen
Oliver Porzel derzeit noch feile. Zu einer Besonderheit soll
das "Unimog-Adventure" werden, bei dem Offroad-Liebhaber auf
ihre Kosten kommen sollen. "In einer dreistündigen Tour kann
der Teilnehmer - nach kurzer Einweisung - selbst das Steuer
übernehmen und das gigantische Können des Unimogs testen."
Neben den Touren wolle man auch Exkursionen für Schulklassen,
Firmen und Privatpersonen anbieten. "Wir wollen eine Reihe von
Aufgaben erfüllen", erklärt der Steinwiesener, nur "wir müssen
Schritt für Schritt vorgehen. Momentan stehen wir mit unserem
Verein noch am Anfang." Dennoch plane man schon heute den Aufbau
eines Archivs mit Sammlungen zu Relikten der DDR. Im Rahmen
des Projekts sollen auch Vorträge, Biographien betroffener Menschen,
Aussagen von Zeitzeugen, Filmabende und Stammtische einen Platz
finden. Die größte Herausforderung im Rahmen des "Grenzfahrten"-Projekts
stellt nach Aussage von Oliver Porzel der Aufbau eines Grenzlandmuseums
beziehungsweise eines Grenzpfades dar. Beide Vorhaben sollen
in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Tourismusanbietern
verwirklicht werden und nicht nur Touristen locken. "Eine Region
wie unsere, die direkt an der ehemaligen Grenze liegt, muss
mit Einrichtungen wie beispielsweise einem Museum an die Vergangenheit
erinnern", ist der Steinwiesener überzeugt. "Bei uns findet
man noch nicht einmal mehr ein Schild mit dem Hinweis auf die
ehemalige innerdeutsche Grenze."
Nach Ansicht des Steinwieseners könne man vor allem von den
ortsansässigen Zeitzeugen profitieren, die durch ganz eigenen
Geschichten die Vergangenheit nocheinmal in ein anderes Licht
rücken würden. "Im Gespräch mit einigen Titschendorfern erfuhr
man von Dingen, die nicht vielen bekannt sein dürften", berichtet
Oliver Porzel. Die Thüringer Gemeinde, die an Nordhalben grenzt,
lag nach der Teilung zwischen zwei Grenzzäunen. Ein Titschendorfer
habe ihm erzählt, dass in der kleinen Gemeinde die Nacht nie
Einzug hielt. "Das Licht der Grenzanlagen wurde so stark reflektiert,
dass es im Dorf nie dunkel wurde", berichtet Oliver Porzel.
"Es sind genau diese Erzählungen, die in den Menschen das Interesse
für die Vergangenheit wecken."
Obwohl Oliver Porzel bereits ein "kleines Team von Enthusiasten"
ausfindig machen konnte, ist er weiter auf der Suche nach Gleichgesinnten
(siehe Infokasten). "Es gibt sicher viele Menschen, die ebenso
Interesse daran haben, unsere Geschichte aufrechtzuerhalten"
sagt der Steinwiesener überzeugt. "Mich jedenfalls hat die Geschichte
der Grenze immer interessiert, berührt und bewegt."
Quelle: Neue Presse" GmbH", Coburg, 30 Januar 2008