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DDR - Geschichte
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Beitrag Von Christian Jung
In der kommunistischen Propaganda der DDR wurde die Berliner
Mauer und die innerdeutsche Grenze von der Ostsee bis zum Bayrischen
Wald ab 1961 als Friedensbauwerke, als "antiimperialistischer
Schutzwall" bezeichnet. Über 1000 Menschen fanden hier den Tod,
wurden von DDR-Grenzsoldaten erschossen, ertranken oder blieben
an den Grenzbefestigungsanlagen hängen. Die meisten von ihnen
hatten sich für ihr Leben eines der wichtigsten menschlichen
Güter gewünscht: die Freiheit - und mussten für diesen Wunsch
mit ihrem Leben bezahlen.
Nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989 und der Wiedervereinigung
am 3. Oktober 1990 schrieben zahlreiche hochrangige Funktionäre
der SED, der Staatssicherheit und der DDR-Grenztruppen autobiografische
Berichte, in denen sie sich auch mit der Grenze auseinandersetzten.
In den Schriften wurden die menschenverachtenden Zustände in
der SED-Diktatur pervertiert und das Schießen auf Flüchtlinge
an der innerdeutschen Grenze zu einem Akt der Grenzverteidigung
umgedeutet.
Der frühere Chef der DDR-Grenztruppen Klaus-Dieter Baumgarten
wehrte sich in diesem Zusammenhang noch im Jahr 2005, die untergegangene
DDR als den Inbegriff des Bösen darzustellen. Die Opfer an der
Grenze bringt er mit den Gegebenheiten des Kalten Krieges in
Verbindung und lässt darauf in seinem mit Peter Freitag herausgegebenen
Buch "Die Grenzen der DDR. Geschichten, Fakten, Hintergründe,
2., korrigierte Auflage, Berlin 2005" die Maske fallen:
"Es war aber ein humanistisches Anliegen der DDR, das Leben
als höchstes Gut zu achten und menschliches Leid zu vermeiden.
(...) Die Opfer des Kalten Krieges dürfen nicht länger gegen
die DDR instrumentalisiert und missbraucht werden" (S. 14).
Aus verschiedenen Gründen versuchten nach Auffassung Baumgartens
"auch viele Bürger der DDR, ihr Land ungesetzlich über die Staatsgrenze
zu verlassen. Wie man diese Handlungen auch immer bewerten mag:
sie waren gegen die Gesetze der DDR gerichtet, und die Grenztruppen
hatten in Zusammenwirken mit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen
die Aufgabe, solche illegalen Grenzverletzungen nicht zuzulassen"
(S. 238).
Vor und während des Prozesses um die Mauertoten und die Verantwortung
der Politbüromitglieder für das DDR-Grenzregime vor dem Berliner
Landgericht in den 1990er Jahren zeigte das frühere SED-Politbüromitglied
Günter Schabowski im Gegensatz zu dem ebenfalls angeklagten
letzten SED-Generalsekretär Egon Krenz Reue und bekannte seine
Schuld und bat die Opfern der SED-Diktatur und ihre Angehörigen
um Verzeihung. Im Prozess gegen Erich Honecker und fünf weitere
SED-Repräsentanten hatte der Suhler Bezirkssekretär Hans Albrecht,
zu Honeckers Zeit Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates,
eine besondere Ausrede. Er könne sich an Diskussionen über Schusswaffengebrauch
und Selbstschussanlagen nicht erinnern, da er bei den Sitzungen
immer am Ende des Tisches gesessen und trotz seiner Schwerhörigkeit
nicht über ein Hörgerät verfügt habe. Es gab nie einen Zweifel,
so General a.D. Fritz Streletz, dass die DDR berechtigt war,
zum Schutz ihrer Staatsgrenze gegen Angriffe von außen oder
innen diese auch mit Waffen zu verteidigen. Die mögliche Anwendung
der Schusswaffe sei aus dem Artikel 7 der DDR-Verfassung abgeleitet
worden, der im Absatz 1 die Staatsorgane zur Sicherung der Grenzen
verpflichtete.
Trotz der angeblichen Erschütterung über Tote an der innerdeutschen
Grenze (Der bis 1989 amtierende Verteidigungsminister Heinz
Keßler: "Ich beklagte und beklage jeden, (...) der auf unnatürliche
Weise im Zusammenhang mit dem Schutz der Staatsgrenze, auch
der Angehörigen der Grenztruppen der DDR, zu Schaden, zu Tode
gekommen ist."), die Egon Krenz als "Negativseite seines Lebens"
bezeichnete, konnte sich der Nachfolger Honeckers nicht zu einem
ähnlichen Eingeständnis des eigenen Versagens wie Günter Schabowski
durchringen, obwohl er herausstellte, Gewaltlosigkeit sei ihm
von seinem Gewissen und von der sozialistischen Weltanschauung
vorgeschrieben gewesen. Er pochte immer wieder darauf, die Mauertoten
im Kontext des Kalten Krieges zu betrachten und lieber insgesamt
den Opfern der Auseinandersetzung der Systeme zu gedenken.
So wird auch knapp 20 Jahre nach dem Fall der Grenze zwischen
der DDR und der Bundesrepublik Deutschland die Funktion des
Grenzwalls verniedlicht, genauso wie dies mit der Geschichte
der DDR geschieht. Zukünftigen Generationen wird deshalb die
Aufgabe zukommen, die DDR-Vergangenheit weiter kritisch aufzuarbeiten.
Denn ein Totschweigen der Vergangenheit verletzt die Opfer und
belohnt die Täter.
*
Dr. Christian Jung ist Autor des Buches "Geschichte der Verlierer.
Historische Selbstreflexion von hochrangigen Mitgliedern der
SED nach 1989". Dieses ist im Winter Universitätsverlag Heidelberg
(2007) erschienen, ISBN 978-3-8253-5308-7.
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